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20.Jun 2017

ENQUETE-NACHBERICHT: "FINTECHS UNTER DER LUPE: WIE INNOVATIV IST DIE FINANZBRANCHE?"

Der SPÖ-Parlamentsklub veranstaltete am 20. Juni 2017 eine Enquete im Parlament zum Thema "FINTECHS UNTER DER LUPE: WIE INNOVATIV IST DIE FINANZBRANCHE?".

Hier gibt es einen Nachbericht!



Andreas Schieder: "Innovation macht vor nichts halt - auch nicht vor der Finanzbranche"

Elisabeth Hakel: Chance Österreichs, sich als technologischer Finanzmarkt für Mittel- und Osteuropa zu etablieren -

Wie innovativ ist die Finanzbranche? Und welche Rolle spielen dabei die Fintechs? Diesen Fragen widmete sich eine Enquete des SPÖ-Parlamentsklub am Dienstag. Klubobmann Andreas Schieder und SPÖ-Startup-Sprecherin Elisabeth Hakel diskutierten mit Praktikern von etablierten Banken, von Fintechs und von der Finanzmarktaufsicht, welche Rahmenbedingungen es braucht, um so etwas wie ein Fintech-Ökosystem entstehen zu lassen, wie man die Chancen für Wachstum durch innovative Technologien nutzen kann und zugleich den Konsumentenschutz bei den Finanzdienstleistungen sicherstellt.

"Innovation macht vor nichts halt, auch nicht vor der Finanzbranche", so SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder in seiner Eröffnung. Die digitale Revolution ändere die Wirtschaftsweise grundlegend, und man müsse annehmen, dass wir dabei erst am Anfang stehen. Im Hinblick auf die Finanzwirtschaft sei zwar das Grundgeschäft seit Jahrhunderten gleich, wie dieses Geschäft, insbesondere der Zahlungsverkehr abgewickelt werde, sei durch Online-Dienste im Umbruch.

Zentrale Ansatzpunkte sieht Schieder beim Zugang zum Bankgeschäft und zu Finanzierung (Stichwort Crowdfunding); zudem sieht er die Geschwindigkeit, mit der Dienstleistungen im Zahlungsverkehr heute ablaufen können, als einen eigenen Faktor. Österreich sei international gesehen zwar nicht mit dem Silicon Valley oder Israel vergleichbar, aber wie Schieder betonte, "gut und innovativ unterwegs".

SPÖ-Startup-Sprecherin Elisabeth Hakel geht es ganz grundlegend um die Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung. Sie betonte, infolge der Digitalisierung sei sicher, dass Arbeitsplätze eingebüßt werden und es können neue entstehen - "aber dass neue entstehen, wird nicht automatisch passieren, sondern dafür braucht es die richtigen Rahmenbedingungen".

Österreich habe mit dem im Vorjahr aufgesetzten Startup-Paket zahlreiche Maßnahmen beschlossen, die genau diese Rahmenbedingungen schaffen sollen; dazu gehört etwa die Förderung von Lohnnebenkosten für Startups in den ersten drei Jahren, die Seedfinanzierung, die Neuerungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte und das Mittelstandsfinanzierungs-Gesellschaften-Gesetz (MIFIG), das diese Woche im Finanzausschuss auf der Tagesordnung steht.

Speziell im Hinblick auf die Fintechs geht es Hakel darum, die Bedingungen für Gründung und Wachstum zu optimieren; sie sieht die Chance, dass Österreich als technologischer Finanzmarkt als Tor nach Osteuropa etabliert werden könne.

Peter Bosek, Mitglied des Vorstands für Retail Banking der Erste Group Bank AG, dämpfte in seiner Keynote zunächst ein bisschen den Enthusiasmus. So würden zwar Fintechs in Europa Platz greifen und es fließe "unfassbar viel Kapital in den Bereich", davon der Großteil in den Zahlungsverkehr, aber Bosek hält den Sektor für überbewertet. Seine Prognose: Viele Fintechs werden nicht bestehen, weil die angenommenen geringen Kosten für die Kundenaquisition nicht zutreffen. Trotzdem sieht Bosek viele sehr gute Unternehmen am Markt und vor allem auch viele sehr gute Softwareentwickler.

Aus Sicht der etablierten Banken ist der Schlüssel Kooperation. Ihm, Bosek, geht es darum, was den Kunden hilft. So sei die George-Plattform der Erste Bank so aufgesetzt, dass sie offen ist für innovative Softwarelösungen von Fintechs.

Lorenz Jüngling ist COO bei N26, einem der erfolgreichsten Fintechs, das in Österreich gegründet wurde und heute in Berlin seinen Sitz und seit August 2016 auch eine Banklizenz hat. Das Unternehmen hat heute 120 Mitarbeiter, 400.000 Kunden, es ist in 17 Ländern aktiv und wächst stark, wie Jüngling betonte. Das Geschäft konzentriere sich darauf, was online und am Handy möglich ist, also eher nicht komplizierte Investmentgeschäfte. Den Ansatz beschreibt Jüngling so: Es gehe darum, Probleme für Menschen mit Anwendungen zu lösen, und zwar so, dass der Mehrwert dann monetarisierbar ist.

Von der Politik wünscht sich Jüngling eine Harmonisierung der Regulatorien im europäischen Raum; denn die Anforderungen der Regulierer, etwa was Vorlagepflichten bei der Identifizierung und was den Zeitaufwand betrifft, seien länderweise sehr unterschiedlich.

Thomas Schneckenleitner, stellvertretender Abteilungsleiter der Finanzmarktaufsicht (FMA), sieht die Unterscheidung, was ein Fintech ist und was nicht, nicht zwangsläufig darin, ob ein Unternehmen konzessioniert oder nicht. "Auch die Bank kann Fintech sein", so der FMA-Experte. Dazu komme, dass die nicht konzessionierten sehr oft Schnittstellen mit konzessionierten Unternehmen haben. Daher verfolge die FMA hier generell einen integrierten Ansatz.

Einige der zentralen Herausforderungen bei Finanzdienstleistungen (also z.B. Wertpapiere kaufen, Konto eröffnen, Versicherung abschließen) seien: Wie sich die Kunden identifizieren? Wie man Transparenz und Klarheit im Wettbewerb sicherstellt? Ist eine Dienstleistung konzessionspflichtig? Wie regelt man grenzüberschreitend Verträge (was beim Online-Geschäft immer wichtiger werde, damit verbunden: auch die Aufsicht muss sich international ausrichten)?

Wichtige Themen für die Aufsicht seien zudem neue Bezahlmethoden, alternative Währungen, alternative Zahlungsmittel (E-Geld-Gesetz) und automatisierte Beratungssysteme. Dabei zeige sich, so Schneckenleitner, dass Probleme bei automatisierten Systemen häufig die gleichen sind wie bei traditionellen; daher sei auch hier von Vorteil, dass die FMA einen integrierten Ansatz bei der Aufsicht verfolge.

Panel 1
Fintechs zwischen Innovation und Tradition
Peter Bosek, Erste Bank
Lorenz Jüngling, N26
Tanja Wehsely, Labg.
Patrick Poeschl, Initiator Fintech Austria
Moderation: Georg Ortner

Panel 2
Fintechs, Chancen & Risiken
Daniel Strieder, cashpresso
Sebastian ERICH, AVCO
Johann Maier, Vorsitzender des Datenschutzrates
Thomas Schneckenleiter, Finanzmarktaufsicht
Moderation: Elisabeth Hakel

Fotos: © Claudio Farkasch/lichtschalter.tv